Aus der Geschichte der Einheitsgemeinde

Die Geschichte der Einheitsgemeinde Schellerten beginnt am 1. März 1974. Im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform hatte der Niedersächsische Landtag die Zusammenlegung der bis dahin selbständigen Gemeinden Ahstedt, Bettmar, Dingelbe, Dinklar, Farmsen, Garmissen-Garbolzum, Kemme, Oedelum, Ottbergen, Schellerten, Wendhausen und Wöhle zu einer Einheitsgemeinde verfügt. Verwaltungssitz wird der Ort Schellerten, der der Einheitsgemeinde auch den Namen gibt. Seit 1985 steht dort zudem das Rathaus.

Das Gebiet der heutigen Einheitsgemeinde ist altes Siedlungsland. Zahlreiche steinzeitliche Funde [landschaft 1991] belegen, dass hier bereits vor dem siebten vorchristlichen Jahrtausend Menschen gelebt haben. Auch alte Bestattungsplätze lassen auf eine Besiedlung schließen. Im Ilsenholz bei Dinklar gab es bis zu dessen Rodung 1895/96 ein großes Hügelgräberfeld mit 1,5 bis 2 Meter hohen Grabhügeln aus der Bronzezeit (2.000 – 700 v. Chr.). Funde belegen, dass hier sowohl Körper- als auch Brandbestattungen in Urnen stattgefunden haben, was auf eine jahrhundertelange Belegung schließen lässt.[hv dinklar 2] In Wöhle ist eine eisenzeitliche Siedlungsstelle aus der Zeit zwischen 500 und 300 v. Chr. nachgewiesen.[wöhle 2009] Zudem befand sich während der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit im Stobenholz süd-östlich von Wöhle ein Hügelgräberfeld, auf dem ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. Urnen beigesetzt wurden. [gaedtke-eckart 1992] Aus der gleichen Zeit stammen in Dinklar gefundene Tonscherben.[hv dinklar 2]

Zu Beginn unserer Zeitrechnung gehörte die heutige Gemeinde Schellerten zu dem Gebiet zwischen Rhein und Weichsel, Alpennordrand und Skandinavien für das die Römer den Begriff „Germanien“ prägten. Mit diesem fassten sie eine Vielzahl verschiedenster Stämme, die jenseits ihrer Reichsgrenzen lebten zu einer – nicht existierenden – Gemeinschaft zusammen.[fischer-fabian 2003], [geo 2008] In unserer Gegend lebte der Stamm der Cherusker. Um 100 n. Chr. vernichteten die Chatten die Cherusker.[geo 2008] Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. drangen die Sachsen von Norden kommend in unser Gebiet ein.[hauptmeyer 2009] Im 8. nachchristlichen Jahrhundert lebte hier der sächsisch-germanische Stamm der Ostfalen. Er wurde Ende des Jahrhunderts von den übermächtigen Franken unter Karl dem Großen unterworfen und christianisiert.[geo 2008] Im 12. Jahrhundert gehörte das Gebiet zum Herzogtum Sachsen. Als 1235 das Hochstift Hildesheim von Kaiser Friedrich II. als Fürstbistum anerkannt wurde, war das Gemeindegebiet ein Teil davon, blieb aber, wie es in einer alten Akte [StA WF, 14 Alt Fb. 4 Nr. 1] genannt wird, „Mehrherrengebiet“, denn auch die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg besaßen hier Güter und Rechte.

Im 13. und 14. Jahrhundert gelangte viel Land in die Hand von Klöstern und Stiften. Einen großen Teil der Farmser Feldmark bekam z.B. das Magdalenen-Kloster in Hildesheim. Aus den Dörfer Oedelum und Wendhausen [hodenberg 1859] entstanden Grangien - weitgehend unabhängige Wirtschaftshöfe - der Zisterzienserklöster Loccum bzw. Marienrode. Den speziellen Ordensregeln der Zisterzienser folgend, fanden die Mönche dazu die örtlichen Geistlichen ab und zogen die Seelsorge an sich. Die ortsansässigen Bauern wurden von ihren Höfen vertrieben. Diese Klostergüter bestanden bis 1559 Philip von Bortfeld das Gut Wendhausen als Pfand vom Kloster Marienrode bekam bzw. Werner König, Kanzler des Herzogs von Braunschweig, 1604 kurzzeitig das Gut Oedelum erhielt. [reden-dohna 1995]

Nach und nach hatte sich das System der Grundherrschaft herausgebildet. Den Bauern in den Dörfern gehörte das bewirtschaftete Land meist nicht selbst, sondern es wurde ihnen von einem oder mehreren Grundherren – Landesherr, Adel, Pfarren, Stifte, Klöster, Städte oder Bürger – zur Nutzung überlassen. Die Grundherren erhielten dafür von den Bauern unterschiedlichste Abgaben.[schneider u.a. 1989] Es bestanden komplexe Kombinationen von Eigenhörigkeit, Grundherrschaft, Zehntherrschaft, Hofherrschaft mit den daraus resultierenden Rechten der jeweiligen Herrschaftsträger.[schneider 2007]

Die Feldmark eines Dorfes bestand aus einheitlich bewirtschafteten Feldeinheiten der Mehrfelderwirtschaft.[hauptmeyer 2009] So war z.B. im Dorf Schellerten die Feldflur in vier Felder aufgeteilt, auf denen im Wechsel Roggen, Hafer und Gerste angebaut wurden. Das vierte Feld war die Brache, die beispielsweise mit Erbsen und Bohnen bestellt wurde. In diesen Feldern besaßen die Bauern eine Vielzahl sehr langer, schmaler Äcker, die oftmals nur über die Nachbargrundstücke zu erreichen waren. Ein ausreichendes Wegenetz bestand nicht. Die Bauernversammlung und der Zehntherr entschieden, welche Früchte anzubauen waren und wann gesät und geerntet werden konnte.[schneider u.a. 1989] Freiräume für individuelle Entscheidungen gab es nicht.

Nach der Hildesheimer Stiftsfehde (1519 - 1523) teilte eine Staatsgrenze das Gebiet der heutigen Einheitsgemeinde. Das Gut Oedelum (nicht das Dorf) [HStAH, Cal. Br. 1 Nr. 890, Hild. Br. 1 Nr. 3163, Hild. Br. 2 Nr. 3056], und die Dörfer Garmissen und Garbolzum fielen an das Herzogtum Braunschweig. Die anderen Dörfer blieben beim Fürstbistum Hildesheim. In die Zeit der Teilung fällt auch die Reformation, die aufgrund der verschiedenen Zugehörigkeiten der Orte sehr unterschiedlich vonstattenging. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden jedoch die Einwohner aller Dörfer evangelisch-lutherisch. Dingelbe, Dinklar mit Bettmar, Farmsen, Ottbergen und Wöhle kehrten im 17. Jahrhundert zum Teil gegen den Willen der Einwohner zum katholischen Glauben zurück.

Mit dem Goslarer Frieden (1643) fielen Garmissen und Garbolzum sowie das Gut Oedelum ans Hochstift Hildesheim zurück. Obwohl der 30-jährige Krieg fünf Jahre später mit dem Westfälischen Frieden auch offiziell zu Ende ging, kehrte in unserer Gegend noch lange Zeit keine Ruhe ein. Schwedische Besatzungstruppen zogen erst 1651 ab. Während des französisch-niederländischen Kriegs von 1672-79 hatte die Bevölkerung schwer unter brandenburgischen Truppendurchzügen zu leiden. Verbrannte Dörfer, ausgeraubte und zerstörte Kirchen und vertriebene Bewohner waren die Folgen all dieser Auseinandersetzungen.[schrader 2006]

Nach der Säkularisation des Fürstbistums Hildesheim 1802/03 wurde das Gemeindegebiet kurzzeitig ein Teil Preußens. Zu napoleonischer Zeit gehörte es zum Königreich Westphalen. Dieser 1807 gegründete Staat erhielt – als erster auf deutschem Boden – eine Verfassung modernen Zuschnitts,[berding 2008] die nach französischem Vorbild eine einheitliche Verwaltung, gleiche Rechte und religiöse Toleranz vorsah. Andererseits fiel die Hälfte der landesherrlichen Domänen an den französischen Kaiser Napoleon I. Der neue Staat hatte hohe Kriegskontributionen zu leisten, Truppenkontingente bereitzustellen und der Kontinentalsperre beizutreten.

Der neuen Verfassung gemäß hätten die überkommenen grundherrschaftlichen Rechte eigentlich entschädigungslos aufgehoben werden müssen. Dies geschah aber nicht. Die bäuerliche Bevölkerung erhielt lediglich die Möglichkeit, sich gegen eine Ablösesumme von den alten Diensten und Abgaben freizukaufen.[berding 2008] In Kemme [GASch, Kemm 60], Schellerten [HStA H, Hann. 80 Hildesheim Nr. 18258], Wendhausen und Wöhle [HStA H, Hann. 74 Hildesheim Nr. 702] nutzen die Pflichtigen beispielsweise die Möglichkeit und lösten den ehemals dem Hildesheimer Domkapitel zustehenden Kornzehnten ab.

Als Napoleon 1813 besiegt war, endete die Zeit des Königreichs Westphalen. Auf Beschluss des Wiener Kongresses wurde das Gemeindegebiet 1815 ein Teil des Königreichs Hannover. Alle politischen Liberalisierungen aus französischer Zeit wurden von der neuen Regierung zurückgenommen. Auch die durchgeführten Zehntablösungen hatten keinen Bestand. Die Zehntpflichtigen mussten erneut eine Ablösesumme zahlen, wenn sie nicht in alte Abhängigkeit zurückfallen wollten. [HStA H, Hann. 74 Hildesheim Nr. 702]

Auf Dauer ließen sich aber auch im Königreich Hannover Reformen nicht aufhalten. 1824 wurde eine Teilungsordnung für das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Hildesheim erlassen, die die gesetzliche Grundlage für die Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen schuf. Auf dem Gebiet der heutigen Einheitsgemeinde begann Oedelum 1834 als eines der ersten Dörfer diese durchzuführen. Zunächst mussten dazu Ort und Feldmark genau vermessen und die Bodenqualität geschätzt werden. Außerdem wurden ein neues Wegesystem, das alle Felder direkt erreichbar machte, und ein Grabennetz zur Entwässerung der Felder entworfen. Dann fand eine Generalteilung statt, in der die Gemeindegrenzen festgelegt wurden. Daran schloss sich die Spezialteilung an, die alle bisher gemeinschaftlich genutzten Flächen eines Dorfes unter den Berechtigten aufteilte. Damit verbunden war die Verkoppelung in der die bis dahin zerrissenen Felder neuverteilt und zusammengelegt wurden. Die Ergebnisse dieses komplexen Verfahrens, das sich oft länger als ein Jahrzehnt hinzog, wurden in einem Rezess festgehalten. Die zugehörige Flurkarte ist der Ursprung der heutigen Kataster.[schneider u.a. 1989]

1831/33 wurde im Königreich Hannover eine Ablösungs-Ordnung verabschiedet. Dienste, Zinsen und Zehnte konnten nun nach westphälischem Vorbild durch Zahlung des 25-fachen Jahreswerts für Naturalzinsen und Zehnten bzw. des 20-fachen Jahresbetrages für Geldzinsen [schneider 2007] abgegolten werden. Auf Landabtretungen wurde weistestgehend verzichtet. Am Ende des Prozederes hatte der Besitzer eines Hofes oder Grundstücks das volle Eigentum an diesem erworben und konnte nun – unter Berücksichtigung des Anerbenrechts – frei darüber verfügen.[schneider u.a. 1989] Bis alle auf einem Hof liegenden Ansprüche bedient waren, konnte es zwei Generationen dauern. Nachdem das Königreich Hannover 1866 an Preußen gefallen war, beschleunigte eine geänderte Gesetzgebung den Abschluss der Ablösungen.

Die Landwirtschaft veränderte sich: Durch die wirtschaftlichere Nutzung der Feldflur erhöhten sich die Erträge, später kamen noch der Einsatz von Maschinen und der Kunstdünger hinzu. In den Dörfern fand eine Arbeitsteilung statt.[hauptmeyer 2009] Es entwickelten sich Handwerk, Gewerbe und Handel. 1873 nahmen die Zuckerfabriken Dingelbe und Ahstedt-Schellerten den Betrieb auf. In Dinklar begann die erste Kampagne 1883. Dafür wurden in der Region nun Zuckerrüben angebaut. In Farmsen und Ottbergen wurden Ziegeleien gegründet. Mit dem Bau der Bahnstrecke von Hildesheim nach Groß Gleidingen bei Braunschweig 1888/89 entstanden in Garbolzum und Bettmar Bahnhöfe, die dem Gebiet neue Märkte erschlossen und um die herum sich nach und nach Kleinindustrie ansiedelte. Es entstanden Dienstleistungsberufe bei Bahn und Post. In Kemme praktizierte seit 1879 ein Landarzt.[kemme 2009] In Schellerten öffnete 1894 die Apotheke. Arbeitskräfte zogen mit ihren Familien zu. In der Folge mussten wie beispielsweise in Schellerten Schulgebäude neu gebaut und neue Lehrer eingestellt werden, um alle Kinder unterrichten zu können.

Die nächste große Veränderung war Folge der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs. Mitte der 1940er Jahre kamen Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene in großer Zahl in die Dörfer. Die Bevölkerungszahlen in den Orten vervielfachten sich.

Der Einmarsch der 9. US-Armee im April 1945 verlief in den Dörfern unterschiedlich. In Bettmar versuchte ein Trupp von etwa 20 Soldaten unter dem Kommando eines Oberleutnants die Amerikaner aufzuhalten. In einem ca. eineinhalbstündigen Gefecht fielen fünf deutsche Soldaten, ein Evakuierter und vermutlich ein russischer Kriegsgefangener starben. Zahlreiche Scheunen gingen mit allen Getreidevorräten und Maschinen in Flammen auf. Wohnhäuser wurden beschädigt. Jagdbomber, die bereits im Anflug auf Bettmar waren, kamen schließlich nicht mehr zum Einsatz.[bettmar 2004] Die Bewohner Dingelbes [dingelbe 2009] und Schellertens leisteten hingegen keinen Widerstand. Sie empfingen die amerikanischen Soldaten mit einer weißen Fahne. Ihre Dörfer blieben unversehrt.

Gemäß der Vereinbarungen der Konferenz von Jalta, die u.a. die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen vorsah, gehörte das Gemeindegebiet nach Beendigung des Krieges zur britischen Besatzungszone. Wenige Tage nach dem Einmarsch der kämpfenden alliierten Truppen setzte die britische Besatzungsmacht 1945 eine Militärregierung ein.[röhrbein 2005] Diese gab Leitlinien und Richtungsentscheidungen vor und entschied über politisch sensible Themen. Mit der eigentlichen Verwaltungsarbeit wurden deutsche Behörden beauftragt.[fesche 2005] Am 23. August 1946 wurde das Land Hannover wiederhergestellt. Zusammen mit den Ländern Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe entstand aus ihm zum 1. November desselben Jahres mit Zustimmung der Militärregierung das Land Niedersachsen.[röhrbein 2005] Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 ist das Land Niedersachsen eines ihrer Bundesländer.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden immer mehr Dorfbewohner Arbeit in großen Industriebetrieben. Gering bezahlte Arbeitsstellen in der örtlichen Landwirtschaft konnten nur noch schwer besetzt werden. Um dem Arbeitskräftemangel entgegen zu wirken, setzte eine Technisierung der Landwirtschaft ein.[hauptmeyer 2009] Die Ziegeleien und Zuckerfabriken stellten nach und nach ihren Betrieb ein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es nur noch wenige Vollerwerbshöfe in den Dörfern, die von den Landwirten mit nur wenigen Hilfskräften bewirtschaftet werden. Die Bevölkerung verdient ihren Lebensunterhalt heute größtenteils in den umliegenden Städten, hat aber ihre Heimat in den Dörfern behalten.