Rübenernte

Im Jahr 1873 nahm die Ahstedt-Schellerter Zuckerfabrik den Betrieb auf. In der Region wurden nun auch vermehrt Zuckerrüben angebaut. Die Rübenernte gehörte in jener Zeit zu den Schwerstarbeiten eines jeden Jahres. Bertha Ohning, 1874 als Tochter von Heinrich und Minna Ahrens in Ahstedt geboren, berichtet:

Bedeutend schwerer war die Arbeit des Aufrodens der Rüben, das Ende September begann. Vom einem Viertel Morgen ließ man die abgeschnittenen Rüben zu einem Haufen zusammentragen. Mit dem Feldmaß der halben Rute [1 hildesheimer Rute = 4,47m] gleich einem Stock, wurde abgemessen. Zwölf Stock lang und für die Breite 60 Reihen war dasselbe Maß, gehörten zu der in Angriff genommenen Fläche. Trotz der Rückenschmerzen, die es beim Aufroden gab, wollten alle gern dabei helfen. Drei Rübenreihen legten sie fein säuberlich zu einer Reihe zusammen, nicht ohne sie vorher durch mehrmaliges Anklopfen am Spaten vom größten  Dreck befreit zu haben. Vor dieser Reihe kniete der Abschneider, warf gleich die abgeschnittenen Rüben in kleine Häufchen und rutschte so die Reihe entlang. Hier musste auch äußerst saubere Arbeit geleistet werden, deshalb durften nur die größeren Kinder damit beauftragt werden. Weder grünes durfte sitzen bleiben noch zuviel von der Rübe abgeschnitten sein. So hatte es Hermann doch einmal zu gut gemacht und Zentimeter dicke Köpfe geschnitten. Alle blieben länger bis die anderen Leute gegangen waren. Nun wurde verbessert und von den dicksten Köpfen noch eine Scheibe abgeschnitten und diese mit nach Hause genommen, damit sie nichts verraten konnten. Das hätte sonst einen unangenehmen Tadel eingebracht.


Frau und Kinder bei der Rübenernte

Rübenernte vor Dingelbe:

In der Bohre (links im Bild) werden die Rüben gesammelt und an den Feldrand getragen.

Die kleinen Haufen mussten nun zu der großen Kuhle geschafft werden und zwar ganz in die äußerste linke Seite oder rechts, je nachdem wo die Kuhle ein gleiches gegenüber fand, so konnte der später dazwischen fahrende Wagen gerade recht von beiden Seiten beladen werden. Diese Erleichterung war durch das vorherige Rübenzusammentragen geschafft. In einem Tragegestell, der Bohre brachte man die Rüben heran. Auch das machten die größeren Kinder mit. Dabei kam es öfter vor, dass eines nicht mehr schleppen konnte und die Bohre einfach fallen ließ. Das war für den Vordermann weniger schön, deshalb löste es meistens Gezank aus, da musste Mutters Machtwort erst klären. Die Rüben, die in Treffweite waren wurden von den Jüngeren herangeworfen. Dies machten sie schon, bevor sie in die Schule kamen. Endlich war auch der letzte Rübenschwanz herangebracht. Damit die Kuhle eine schöne Form bekam, wurde sie dementsprechend herangelesen und hochgetürmt und mit Rübenblättern bedeckt. Die übrigen Blätter kamen in kleinen Haufen zusammen. Wenn alle recht fleißig waren, wurden zwei von diesen Kuhlen geschafft. Das ist ein halber Morgen, oft auch schon mehr. Bei den Jungen war der Fleiß leicht festzustellen. Wenn ihre Hose beim Gehen so herrlich quietschte, war es die fleißige, natürlich gab es auch Tage mit der faulen Hose, aber trotzdem, jeder tat sein Möglichstes, ein Lob vermochte da viel.

Diese Plagerei hielt bis zur Mitte des November an. Oft 10 Morgen wurden da geschafft und das meistens unter schlechten Witterungsbedingungen. Entweder es regnete viel oder es gab Nebel und frühen Frost, dann trocknete das Blatt den ganzen Tag nicht und die Sackschürze des Aufroders stand ebenfalls von Nässe und Schmutz steif hin.

Mitte des 20. Jahrhunderts schrieb Minna Ohning, 1913 in Ahstedt geboren, die Erinnerungen ihrer Mutter Bertha Ohning geb. Ahrens auf. Jedes ihrer sechs Geschwister erhielt ein Exemplar des Buches. Eines ist heute im Besitz ihrer Nichte Ilse Langkopf in Garmissen, die eine Kopie dem Gemeindearchiv in Schellerten zur Verfügung gestellt hat.


Quelle: GASch Ahst 61
Foto: GASch Ding F 89