"Gewaltsame Öffnung der Kirche anlässlich der Beerdigung eines Katholiken"


So lautet der Titel einer Akte im Hauptstaatsarchiv Hannover , die eine Begebenheit in Schellerten aus dem Jahr 1659 überliefert. Zum besseren Verständnis der Situation zunächst ein Blick in die Zeit, als die Reformation in den Dörfern der heutigen Gemeinde Schellerten ankam:

Im hildesheimischen Amt Steuerwald wurde 1556 durch Adolf von Holstein, der das Amt in Pfandbesitz hatte, die lutherische Lehre eingeführt. 1564 löste Bischof Burchard von Oberg das Amt Steuerwald wieder aus. Landesherr der nun lutherischen Untertanen war wieder der katholische Fürstbischof von Hildesheim. Es folgten einige Jahrzehnte der religiösen Toleranz in denen diese Konstellation erhalten blieb. Die Situation eskalierte erst, als ab 1608 Ernst von Bayern, u.a. Erzbischof von Köln und Bischof von Hildesheim, die Gegenreformation im Hochstift Hildesheim durchführen ließ. Im Amt Steuerwald kehrten die meisten Pfarrer zur katholischen Lehre zurück oder gaben ihre Stelle auf. In einigen wenigen Pfarren, so auch in Schellerten, gelang die Gegenreformation nicht. Die lutherischen Schellerter blieben noch fast 200 Jahre bis zur Säkularisation Untertanen des katholischen Landesherrn.

In dieser Zeit kam es gelegentlich zu religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen den Schellertern und der fürstbischöflichen Regierung. 1659 berichtete der Schellerter Pastor Henning Bente dem Konsistorium, seiner vorgesetzten kirchlichen Verwaltungsbehörde, über die Vorkommnisse anlässlich der Beerdigung von Harmen Ohlems, einem Mann, welcher der römisch katholischen Religion zugetan [war], [an]sonsten sich aber in seinem Leben und Wandel aufrichtig und redlich zeigte.

Harmen Ohlems lebte seit 17 Jahren in Schellerten, als er am 23. Januar 1659 starb. In dieser Zeit besuchte er, obwohl Katholik, den Gottesdienst in der Schellerter Kirche und hörte mit Ernst und Andacht den Predigten des lutherischen Pastors zu. Nach seinem Tod bat seine Witwe Pastor Bente, ihren Mann zu bestatten und eine Leichenpredigt zu halten, was dieser auch zusagte.

Davon erfuhr die fürstbischöfliche Regierung. Sie war mit einer lutherischen Zeremonie nicht einverstanden. Als Katholik sollte Harmen Ohlems auch von einem katholischen Priester begraben werden. Vogt, Amtschreiber und Untervogt wurden nach Schellerten geschickt und sprachen zunächst bei der Witwe vor. Diese teilte den Herren mit, ihr Mann sei ein friedliebender Mensch gewesen und man möge sie nun auch seine Leiche in Frieden begraben lassen, worauf ihr der Vogt antwortete: Er hette Herren befehlig, dem wolte und müste er nachkommen.

Da sie bei der Witwe Ohlems nichts erreicht hatten, gingen Vogt und Amtschreiber nun zur Kirche, wo es eine heftige verbale Auseinandersetzung mit Pastor Bente gab. Der Vogt verlangte, der Küster möge mit seinen Schülern bei der Beerdigung die üblichen katholischen Lieder singen und dass Pastor Bente aber seine Ceremonien auf dem Kirchhofe triebe, und dan in der Kirchen nicht aber auf dem Predigtstuel oder vor dem Altar, sondern vor dem Pult wo sonst die Schüler pflegen zu stehen, einen Leichensermon verrichte. Ohne Zustimmung des Konsistoriums wollte  Pastor Bente dem nicht nachkommen.

Als Vogt und Amtschreiber die Kirche verlassen hatten, ließ Pastor Bente die Kirche abschließen und gab den Schlüssel der Frau des Küsters, mit der Maßgabe, ihn nur herauszugeben, wenn sie mit Gewalt dazu aufgefordert würde. Der Pastor ging während­dessen zum Leichenhaus.

Als der Vogt mit seinem Gefolge wieder an der Kirche erschien und die Tür verschlossen fand, verlangte er nach einer Leiter, um durch das Fenster einzusteigen. Der Amtschreiber schlug vor, die Tür einzuschlagen – woraufhin die Tür aufgeschlossen wurde. Pastor Bente ging mit hinein und stellte sich vor den Altar. Der mitgekommene Jesuit tradt fur den Pult und that einen kurtzen Sermon, welcher gleichwol unser Religion nicht zuwider war. Womit die Angelegenheit schließlich erledigt war.


Quelle: HStA H, Hild. Br. 12 Nr. 512