1. April 1945:
Bombenabwurf auf den Bahnhof Garbolzum

Heute Abend, es war ein Tag wie im schönsten Mai, will ich versuchen das Geschehen seit Oster-Sonntag in der Erinnerung mir klar zurecht zu stellen; für kleine Irrtümer in der Berichterstattung will ich keine Garantie übernehmen! 1. April etwa 8 ¼ Uhr fuhr ich zu Rad nach Nettlingen zum Gottesdienst, d.h. ich wollte fahren über die Mühle am neuen Friedhof vorbei.

Dauernd kreisten, sehr niedrig, etwa 6 Flugzeuge über Schellerten. Das konnten nach dem Modell der Flugzeuge, auch Deutsche sein! Meine Frau wollte mich nicht fortlassen, aber das Radio spielte, der Gaubefehlsstand Hannover hatte keinerlei Luftwarnung gegeben – also los! Es war ja Ostersonntagmorgen! Ich kam bis am neuen Friedhof vorbei – dann war das Brummen im Kreis vor mit aufsteigender Flugzeuge so unheimlich, daß ich abstieg und mich in den Graben vor der Hecke duckte, doch ich fuhr weiter, aber war so unsicher, daß ich nochmals abstieg. Und sieh, da kam ein Krach und ein schwarzer Rauchpilz schoß kerzengrade in die Höhe – das war der Bahnhof Garbolzum, ohne jeden Zweifel! Es konnten doch Hildesheimer Flugmaschinen sein, es konnte doch mal ein irrtümlicher Bombenabwurf passieren.

Ein Mann aus dem Dorf kam auf der Straße nach dem Walde hin, er ging ruhig seines Weges! Also rauf auf das Rad, aber kaum fahre ich, so sehe ich den Mann sich umsehen nach oben und dann laufen, der Hecke zu – nun waren es doch Grüße der Feinde! Und schon folgen die nächsten Bombenwürfe – jetzt fahre ich strikt nach Haus, das ist ohne Spaß! Erst als die Flugzeuge entgültig abgeflogen sind, wage ich die Fahrt, jetzt aber über den Bahnhof!

Überall sehe ich Fahrräder dem Bahnhof zueilen, und dort wo die große Kehre ist, beginnt das Bild der Verwüstung.

Dieser Bericht des Schellerter Superintendenten Johannes Kirchberg vom 16. April 1945 wurde 1984 von der langjährigen Schellerter Organistin Isa von Reden aus dessen im Pfarrarchiv befindlichen Tagebuch abgeschrieben.