„Denn Sonntag Judika 1929, der 17. März, war einmal wieder Glockenweihe für eine neue Glocke!“

 

Mit diesen Worten beginnt Superintendent Johannes Kirchberg seinen Bericht über seine erste Glockenweihe in Schellerten und fährt dann fort:

Der erste Weltkrieg hatte zuletzt auch die Glocken von den Türmen geholt. Nur die jeweils ältesten Glocken, meist nur eine, verblieben den Gemeinden zum Läuten. So war von den beiden Glocken im Schellerter Turm die größere Glocke, aus dem Jahre 1806, abgenommen und abgeliefert. Seit mehr als 12 Jahren läutete nur noch die kleinere Glocke, aus dem Jahre 1785. Längst war der Wunsch der Kirchgemeinde, wieder das volle Geläut zu bekommen, und als ich die Pfarrstelle Schellerten übernommen hatte, Juli 1928, trug der Kirchenvorstand alsbald in einer Sitzung diesen Wunsch vor. Es sollte aber wieder eine Bronzeglocke sein, wie die von 1806. [...] Wir entschieden uns für die Glockengießerei Rincker in Sinn (Dillkreis), und diese lieferte fristgemäß die neue Glocke am 5. März 1929.

Die Schneeverhältnisse waren an jenem Märztag noch so gut, daß wir die Glocke vom Bahnhof her sogleich auf einer sogenannten Schleife in den Turm bringen konnten, wo sie bis zur Aufbringung in die Glockenstube untergestellt wurde. Um die Schneeverhältnisse noch auszunutzen und so die mühsame Beförderung  auf einem Wagen zu vermeiden, verzichteten wir auf eine feierliche Einholung. Doch sind viele Dorfbewohner, auch die Schellerter Schulkinder, beim Vorbeiführen der Glocke herbeigelaufen und haben die stattliche glänzende Glocke betrachten können. Noch vor Eintreffen der Monteure begannen die Schellerter Handwerker mit Hilfe eines von der Zuckerfabrik geliehenen Flaschenzuges die 940 kg schwere Glocke innen im Turm hochzuwinden – was ohne Unfall gelang. Baumeister Rohne, Zimmermann Könneker, Schmied Peters und Kirchenvorsteher Roffmann machten sich durch unermüdliche und freiwillige Arbeit besonders verdient, doch auch mancher Andere, dessen Name hier nicht im einzelnen genannt wird. Der Monteur fand die erste Arbeit schon geleistet und binnen 2 ½ Tagen waren beide Glocken – denn die alte erhielt jetzt ebenfalls ein Kugellager, wie die neue – fix und fertig zum Läuten. Der Klang der neuen Glocke übertraf alle Erwartungen. [...] Die Inschrift der Glocke war von mir, unter Zustimmung des Kirchenvorstandes, so abgefaßt: „Gottes Ehre mein erster Klang! Mein zweiter unserer Gefallenen Dank!“ [...]

Die Weihe fand im Hauptgottesdienst statt. Die Predigt über den Text 1. Petrusbrief 5, 10 legte die Inschrift der Glocke zu Grunde. Der Männergesangverein, unter Kantor Hakes Leitung, sang zuerst das Gellertsche Lied „Gott ist mein Lied“ und hernach, als nun die neue Glocke zur Weihe allein, bei völliger Stille der versammelten Gemeinde, geläutet wurde, erklang das Lied vom guten Kameraden. Die Besorgnis, das Lied würde nicht in den Rahmen des Gottesdienstes passen, ist in ihr Gegenteil verkehrt. Fern jeder Sentimentalität war das Lied unter dem neuen Glockenklang der Augenblick wahrer Weihe der Glocke. Von der Kanzel aus aber sah ich, wie unserem alten Kantor Hake, der den Gesangverein dirigierte, die Tränen die Wangen herabliefen. Hatte er doch beide Söhne unter den Gefallenen, deren Gedächtnis die Glocke gewidmet war. Zuvor aber hatte die Konfirmandin Hilde Horn ein Weihegedicht – von Kantor Hake ausgesucht – schön vorgetragen. Nach Abklingen des Geläutes weihte der Pastor am Altar, die neue Glocke durch Gebet: [...] Nun lasse Gott diese Stimme von Erz zum Segen erklingen für die Gemeinde, daß sie nicht das Schicksal ihrer Vorgängerin erleben möge, sondern dauern möge noch in fernren Tagen und rühren vieler Menschen Ohr und mög’ mit den Betrübten klagen und stimmen in der Andacht Chor!

Der Wunsch aus Schillers Lied von der Glocke erfüllte sich nicht. In der zweiten Woche nach Ostern 1942 ist die „Kriegergedächtnisglocke“ abtransportiert worden.

 

Quelle: Aufzeichnungen von Isa von Reden