„Von der Hölle ins Paradies“

Zum 40-jährigen Jubiläum der Schellerter Frauenhilfe am 23.06.2000 besuchte Gerhard Fiedler, von 1960 bis 1991 Pastor in Schellerten, die Frauen, um mit ihnen ihr Jubiläum zu feiern. Er hielt eine Ansprache, in der er sich an seine Ankunft 1960 in Schellerten erinnert. Er berichtet:

... Für uns begann es am 1. Mai 1960, als meine Frau und ich von Eldagsen nach Schellerten kamen, aus der Hölle ins Paradies. – Ich muss das kurz erklären, auch was das mit unserer Frauenhilfe zu tun hat:

Elsbeth und Gerhard Fiedler

Elsbeth und Gerhard Fiedler
1991

Als wir im April 1959 nach Eldagsen beordert wurden – als Hilfsgeistlicher hatte man keine Wahl – da hatte sich keiner darum gekümmert, daß ein Pastor eine Wohnung braucht. Wir hatten unsere Ankunft mit Datum und Uhrzeit dem Superintendenten und dem Kirchenvorstand mitgeteilt. Aber keiner war da und das Pfarrhaus war belegt, oben wohnte die Witwe meines Vorgängers mit vier Kindern und unten ein Amtsgerichtsrat mit vier Kindern. Die fielen aus allen Wolken, als unser Möbelwagen vor der Tür stand. Frau Hecht, die Witwe meines Vorgängers, hat uns dann ein Kinderzimmer freigemacht, damit wir irgendwo schlafen konnten. Das Badezimmer haben wir uns mit Familie Hecht geteilt. Die Möbel, die wir im Schlafzimmer nicht unterbringen konnten, kamen auf den Boden. Aber das Dach war undicht. Es regnete durch. Ich habe dann Marmeladeneimer aufgestellt, die ich manchmal auch des nachts leeren mußte. Meine Frau hat geheult, was sonst eigentlich nicht ihre Art war. So haben wir dort mehr schlecht als recht gehaust.

Es war eine große Gemeinde, die wir zu betreuen hatten: drei Pfarr­stellen: Ober- und Unterpfarre, dazu die Gemeinde Alferde, insgesamt etwa 6.000 Gemeindemitglieder. Für einen Anfänger eigentlich zuviel. Dazu eine Menge ungelöster Probleme, die [ich] jetzt nicht aufzählen kann.

Nur eins vielleicht: Man muß sich das einmal vorstellen: 1959, also 14 Jahre nach Kriegsende waren für die meisten alteingesessenen Eldagser Flüchtlinge immer noch Menschen zweiter Klasse, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Natürlich haben meine Frau und ich uns besonders um die sogenannten Flüchtlinge gekümmert. Das haben uns viele Eldagser übelgenommen, haben uns die kalte Schulter gezeigt, sind nicht zur Kirche und zu unseren Veranstaltungen gekommen.

Schließlich habe ich nach einem Jahr meine Versetzung beantragt. Der damalige Landessuperintendent Schulze ließ mir nur die Wahl: entweder sie bleiben in Eldagsen oder sie gehen nach Schellerten. Innerhalb von 48 Stunden wollte er meine Entscheidung haben. In diesen 48 Stunden hatten wir keine Möglichkeit, uns Schellerten anzusehen: Konfirmanden­unterricht, Beerdigungen. Da fiel meiner Frau ein: Sie hatte bei einer Pfarrfrauenrüstzeit eine Frau Range kennengelernt, Tochter von Super­intendent Kirchberg aus Schellerten. Wir haben sie abends angerufen und sie sagte uns: „Unsere Familie war 30 Jahre in Schellerten und wir haben uns dort so wohl gefühlt. Wenn Sie die Möglichkeit haben, gehen sie nach Schellerten. So haben wir dann die Katze im Sack gekauft und kamen hierher.

Es war für uns unbeschreiblich: Wir wurden mit offenen Armen aufgenommen. Der Kirchenvorstand war da, die Frauenhilfe mit ihrer Leiterin Frau Fasterling, die Nachbarn und natürlich unsere Mit­bewohner Böhnkes und Ehepaar Ziegler. Alle haben mit angefasst und eingeräumt. Die Frauenhilfe hatte die Wohnung sauber gemacht und geschmückt, überall Blumen. Meine Frau hat wieder geheult, aber diesmal vor Freude. Der Schulleiter und Kirchenvorsteher Möller kam mit seiner Klasse und brachte uns ein Ständchen.

Im Flur war ein großes Schild aufgehängt mit den Worten „Herzlich willkommen“. Tischlermeister Wilhelm Bartels hatte es angebracht. – Er war stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands und zugleich Vorsitzender [des] Schützenvereins. Als ich das Schild abnahm, da stand auf der Rückseite: „Ein Hoch den wackeren Schützen“. Wilhelm Bartels wußte damals noch nicht, daß ich tatsächlich ein wackerer Schütze war und einmal drei Bürgerscheiben am Pfarrhaus hängen würden.

[...]

Es war für meine Frau und mich eine wunderbare Zeit hier in Schellerten: Die Gottesdienste, die Feste, die wir gefeiert haben, die Ausflüge. Das wäre alles nicht möglich gewesen ohne die vielen Mitarbeiterinnen, denen ich heute nocheinmal ganz herzlich danken möchte.

Quelle: GASch, Sche 229
Foto: GASch, Sche F 113-23