Anna Ilsa Beckman
Eine Pfarrwitwe in Schellerten

Die Pastoren vergangener Jahrhunderte bestritten ihren Lebensunterhalt aus dem Pfarrhof mit seinen zugehörigen Ländereien und Holzteilungen. Außerdem erhielten sie die Gebühren für ihre Amtshandlungen, wie Taufen, Trauungen und Begräbnisse. Sie blieben bis zu ihrem Tod auf ihrer Pfarrstelle. Einen Ruhestand mit Pension gab es nicht. Nach dem Tod des Pastors musste seine Witwe das Pfarrhaus räumen. Alle Rechte aus der Pfarre gingen auf den neuen Pastor über.

Für die Pfarrwitwen gab es in Schellerten zumindest seit der zweiten Hälf­te des 17. Jahrhunderts in Pfarrwitwenhaus, das – nach heutigem Straßennamen – an der Rathausstraße auf dem Grundstück des heute alten Schulgebäudes stand. Die Pfarrwitwe lebte dort weit ab vom Dorf. Eine Straße und Nachbarn gab es noch nicht. Die Gemeinde war ver­pflichtet für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Im Juni 1682 klagte Anna Ilsa Beckman, Witwe des Schellerter Pastors Conrad Hurlebusch, darüber, dass sie von der Gemeinde keine Unter­stützung erhalte und sie nicht wisse, wie sie sich und ihrem minder­jährigen Kind das Überleben sichern solle.

Was war geschehen?

Conrad Hurlebusch war seit 1677 Pastor von Schellerten und Oedelum, als er 1681 ohnvermuhtlich in seinen besten Jahren mit Tode abgangen war. Er hin­terließ Frau und Kind mittellos, hatten sie doch alle ihre zeitlichen Hab­selig­keiten an dieselbe Pfarre gewandt. So musste Pastor Hurlebusch bei Amts­antritt u.a. 300 Reichstaler für die Schellerter Pfarre zahlen. Die Witwe Hurlebusch erwartete nun, dass die Gemeinde ihr, da im eigentlichen Pfarrwitwenhaus noch die Witwe des 1877 verstorbenen Pastors Petrus Stöcker lebte, ein Pfarrwitwenhaus baue. Stattdessen wies ihr die Ge­meinde aber ein vorhandenes Haus zu, das – so die Witwe Hurlebusch - einem Kuhstall ähnlicher alß einer Wohnung auch dergestalt verfallen ist, daß ohnmöglich mit meinem geringen Armuht darin mich behelffen kan und ein Mensch darin nicht einmahl recht aufstehen kan.

Der Amtmann von Steuerwald wurde schließlich nach Schellerten ge­schickt, um den Konflikt zu lösen. Er beschreibt das angewiesene Häuslein als eine zumahlen baufällige Hütte, so über das berüchtiget wirdt, daß von gespenstn sehr infestiret seye, also daß meines davor haltens die Wittib darin keine ehrliche aufenthaltnüße habn kan, undt scheinet, daß die Bauren durch den Küster, der mit dem abgelebten Pfarrherrn eine Zwistigkeiten gehabt, zu dieser Wiedersetzligkeit verbreitet sein. Eine Entscheidung wollte der Amtmann am Ende nicht treffen, zumal sich der wohl noch recht junge Pastor Hurlebusch bei sei­nem Amtsantritt auch damit einverstanden erklärt hatte, dass seiner Frau erst eine Versorgung zusteht, wenn die Witwe seines Vorgängers Petrus Stöcker verstorben ist. Der Superintendent sollte sich auf Wunsch des Amtmanns nun der Sache annehmen.

Wie es Anna Ilsa Beckman – der Witwe Hurlebusch – und ihrem Kind weiter ergangen ist, ist nicht überliefert.

 

Quelle: HStA H, Hild. Br. 1 Nr. 12390 und Hild. Br. 12 Nr. 512