Ein Weg entsteht

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das dörfliche Leben in Schellerten. Waren bisher über Jahrhunderte viele Dinge gemeinschaftlich von allen Einwohnern genutzt worden, gingen sie jetzt – infolge der Ablösungen, Spezialteilungen und Verkoppelungen – nach und nach in Privateigentum über. Die neuen Eigentümer begannen sich abzugrenzen und ihr Eigentum vor Anderen zu schützen. Dadurch konnte auch das bisher übliche Überqueren des Nachbargrundstücks zum Problem werden. Aus diesem Grund entbrannte 1862 ein Streit zwischen den Anwohnern des heutigen Kronenbergs und der Gasse zur heutigen Holztrift:

Dem Kothsass Hennig Rohne wurde bei der in Schellerten vollzogenen Verkoppelung und Theilung an sein Gehöft ein Anschnitt zugetheilt, zwischen dem der Gieselmannschen Stelle zugefallenen Anschnitts und dem Garten des Schmieds Koch belegen. Einige Monate nach Vollziehung des Recesses friedigte pp. Rohne den fraglichen, ihm in der Theilung angerechneten Anschnitt ein, gleich seinen Nachbarn, und glaubte dazu ebenso vollständig berechtigt zu sein wie diese.

Gegen diese Einfriedung wurde aber sofort bei dem Königlichen Amte Marienburg Protest erhoben von dem Tischlermeister Heinrich Köhler, dem Kothsass Wilhelm Hennies und dem Zimmermeister Heinrich Könneker, da seit undenklichen Zeiten über den Hof des Kothsass Hennig Rohne, sowie über den diesem zugetheilten Anschnitt bis zum Dorfswege ein ungestörter Fußweg geführt habe, den sie auch bis jetzt als rechtlich aufgehoben nicht betrachten könnten, dessen Benutzung sie vielmehr nach wie vor beanspruchten.

Nach zweitägigen Verhandlungen mit Vertretern des Amts und vom Amt bestellten Vertrauensleuten einigen sich die Parteien am 4. April 1862 darauf, einen Fußweg anzulegen, dessen Verlauf von den Vertrauensleuten sofort abgesteckt wird. Die Anlieger, Kothsass Rohne und Tischlermeister Köhler, stellen dafür einen Teil ihrer Grundstücke zur Verfügung.

 

Handzeichnungen vom Umfeld der Gasse

Schellerten um 1852 mit den Straßennamen von 2011

 

15 Jahre später ist der Weg befestigt, mit einer Hecke eingefriedet und für Hennig Rohne versperrt, denn es wurde genau an dessen Anfangspunkt in der Fluchtlinie des Köhlerschen Grundstücks eine Thür angebracht und dieselbe verschlossen. Da ihm, seiner Familie und seinen Mitarbeitern dadurch der direkte, täglich vielfach benutzte Zugang zum Dorf versperrt ist, fordert Hennig Rohne die Entfernung der Tür und führt deswegen Klage gegen Tischlermeister Hermann Köhler, Zimmermeister Heinrich Könneker, Kothsass Hermann Wehrspann und Halbkothsass Wilhelm Wilke vor dem Königlichen Amtsgericht in Hildesheim. Die Beklagten erkennen den Sachverhalt an, meinen aber, der Weg ist nicht für den Kläger, sondern die betreffenden Wegeberechtigten angelegt. Außerdem ist der fragliche Weg seit längerer Zeit von völlig unberechtigten dritten Personen vielfach benutzt und reparaturbedürftig geworden, woraufhin die Absperrung erfolgte und allen Berechtigten und selbst dem Kläger ein Schlüssel zu der angelegten Thür gegeben bezw. angeboten wurde, was Hennig Rohne bestreitet. Ihm sei lediglich ein Schlüssel in Aussicht gestellt worden, wenn er sich an den Wegebaukosten beteilige.

Am vierten Verhandlungstag findet ein Ortstermin statt. Die Parteien schließen dabei einen Vergleich: Die Pforte wird wieder entfernt und der Weg gemeinsam ausgebessert. Die Familie Rohne verlegt den Zugang zu ihrem Grundstück in den Folgejahren auf die andere Grundstücksseite an der heutigen Berliner Straße. Von dem Zugang über die enge Gasse ist sie seit dem unabhängig. Die Prozessunterlagen haben sich in der Familie erhalten, sind jetzt im Besitz von Ortrud Krull und wurden der Ortsheimatpflegerin zur Verfügung gestellt.

Die Rohnengasse zwischen Holztrift und Kronenberg ist heute ein öffentlicher Weg im Eigentum der Gemeinde.

 

Blick von Westen in die Rohnengasse (2009):
Links lag 1877 der Kothhof von Hennig Rohne,
rechts die Viertelkothstelle von Tischlermeister Köhler, rechts hinten die „Gieselmannsche Stelle“.
Hier an ihrem Beginn war die Gasse mit einer Pforte verschlossen.