Die Hildesheimer Stiftsfehde

1519 - 1523

Aufgrund ihrer angespannten finanziellen Lage waren die Hildesheimer Bischöfe im Laufe der Jahrhunderte dazu übergegangen, Rechtstitel, Burgen und sogar ganze Ämter an den Stiftsadel zu verpfänden. Ihre Autorität als Landesherren geriet dadurch mehr und mehr in Gefahr.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts versuchte daher der Hildesheimer Bischof Johann IV. (1504-1527) finanzielle Mittel zu beschaffen, um die Pfänder einlösen zu können. Dazu verlangte er erneut zusätzliche Steuern von der Stadt Hildesheim, wogegen sich die Bürger zunächst wehrten. Kurze Zeit schien es jedoch, als wäre auch eine Einigung möglich. Dies rief nun den Stiftsadel auf den Plan, der sich durch die geplante Einlösung der erworbenen Rechte substanziell bedroht sah. Die Adeligen wandten sich an die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg Heinrich den Jüngeren (1489-1568), der das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel regierte, und Erich I. (1470-1340), Regent des Fürstentums Calenberg-Göttingen, um Hilfe.

Es wurden zwei gegen den Bischof gerichtete Schutzbündnisse geschlossen. Gleichzeitig baute sich zwischen den zerstrittenen welfischen Linien eine zweite Front auf. Da das betreffende Gebiet zwischen den beiden Territorien der Welfenhäuser lag, weckte es auf beiden Seiten Begehrlichkeiten. Ein Streit zwischen Landesherr und Adel war zu einer Auseinadersetzung zwischen konkurrierenden Landesherren geworden.

Während der sich ausweitenden kriegerischen Auseinandersetzungen kam es im gesamten Stift zu großen Verwüstungen. Die Stadt Hildesheim stand dabei auf Seiten des Bischofs, da dieser ihr im Jahre 1519 das Bierprivileg zugestanden hatte. Den welfischen Herzögen gelang es den größten Teil des Stiftes Hildesheim zu besetzen. Für die Interessen der Stadt Hildesheim kämpfte der in der Stadt geborene Hans Wildefuer.

Das Ende der Hildesheimer Stiftsfehde kam erst 1523 mit dem Quedlinburger Rezeß. Kaiser Karl V. beauftragte den mächtigen Kurfürsten und Kardinal Albrecht, zugleich Erzbischof von Magdeburg und von Mainz, sowie den Herzog Georg von Sachsen in Quedlinburg zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. Auf der einen Seite standen dabei die beiden Welfenherzöge auf der anderen das Stift Hildesheim, vertreten durch das Domkapitel, sowie die Stadt Hildesheim. Hildesheims Bischof Johann IV. konnte an den Verhandlungen nicht teilnehmen. Er war auf dem Reichstag zu Worms 1521 vom Kaiser auf Betreiben der Welfen geächtet worden.

Die damals ausgefertigte Pergamenturkunde mit den Siegeln der Beteiligten befindet sich heute im Stadtarchiv Hildesheim. Aus dem Urkundentext geht hervor, dass es sich bei diesem Stück um das Ergebnis längerer Friedensverhandlungen handelt. Dr. Herbert Reyer schreibt dazu [reyer 2002]:

Der Quedlinburger Rezeß vom 13. Mai 1523 kann freilich nur mit Vorbehalt als Friedensvertrag bezeichnet werden. Die Verhandlungen der gegnerischen Parteien in Quedlinburg führten nämlich durchaus nicht zu einem für beide Seiten annehmbaren Vergleich. Im Gegenteil: der Vertrag schrieb die militärischen Erfolge der Welfen auf hildesheimischem Territorium fest. Für das Hochstift Hildesheim bedeutete der Vertrag den bitteren Verlust des Großen Stifts und die künftige Bescheidung auf das sogenannte Kleine Stift. Die bis zur Stiftsfehde aus 22 Ämtern bestehende bischöfliche Landesherrschaft beschränkte sich nunmehr auf die Ämter Steuerwald, Marienburg und Peine sowie die Städte Peine und Hildesheim, das aber in seiner weitgehenden Selbständigkeit dem besonderen Schutz des Herzogs Erich von Calenberg unterstellt wurde. Ferner gehörte dazu noch die Dompropstei mit einigen wenigen Dörfern nördlich Hildesheims, wie Borsum, Harsum und Algermissen. Das Amt Peine war zudem seit 1522 in Pfandbesitz der Stadt Hildesheim gekommen, in dem es die folgenden 80 Jahre verbleiben sollte. Die Welfen konnten auf Kosten des Stifts ihre Territorien arrondieren, das Hochstift Hildesheim aber, auf ein Viertel seines ursprünglichen Territoriums reduziert, hatte aufgehört, ein eigenständiger Machtfaktor im Konzert der norddeutschen Landesherrschaften zu sein.

Hans Wildefuer wurde 1526 Bürgermeister von Hildesheim.


Skizze des Hochstifts Hildesheim

Skizze des Fürstbistums Hildesheim nach einer Karte von 1727

Das gelb markierte Große Stift haben die Welfen 1643 wieder herausgeben müs­sen. Einige Lan­desteile, die vor der Stiftsfehde zum Fürstbistum gehörten, sind nicht wieder zurückgekommen. Das ursprüngliche Hochstift ist also etwas grö­ßer gewesen.

Das Kleine Stift – bestehend aus den Ämtern Peine, Steuerwald, Marienburg, der Dom­propstei sowie den Städten Hildesheim und Peine – ist grün umrandet.