Burgen in der Gemeinde Schellerten

Unter einer Burg stellen sich die meisten Menschen wohl ein hoch auf einem Berg thronendes mächtiges Gebäude mit Türmen und Zinnen vor. Wo ist in der flachen Bördelandschaft Platz für ein solches Bauwerk? Oder versteckt es sich irgendwo im Höhenzug des Vorholzes? – Die Burgen in der Gemeinde Schellerten sahen anders aus. Sie waren sogenannte Motten (frz. Erdscholle, Turmhügelburg).

Kern einer Motte ist ein Hügel, der in einer Niederung aufgeschüttet oder auch aus einem bergigen oder hügeligen Gelände heraus gestaltet worden ist. Dem Burghügel zugeordnet war entweder eine ebenfalls befestigte Vorburg mit Wirtschafts- und Wohngebäuden oder ein in der Nähe befindlicher Meyerhof, von denen aus in friedlichen Zeiten die Burg gepflegt und versorgt wurde. Auf dem Hügel stand meist ein repräsentativer Turm oder ein festes Haus, in der Regel eng von einer Palisade oder Mauer umgeben. Die Bebauung bestand aus Holz oder Stein. Daneben gab es auch Motten, die eine randliche oder lockere Bebauung auf dem Plateau hatten, weswegen man mancherseits die neutralere Bezeichnung Burghügel vorzieht.

Motten, im deutschen Sprachgebiet regional u.a. als Turmhügel, Hausberge, Bühle, Büchel, Borwälle oder Wale bezeichnet, sind erstmals um bzw. nach 1000 im nördlichen Frankreich nachzuweisen. Von dort aus verbreitete sich dieser Burgentyp über ganz Frankreich, den Einzugsbereich des Rheines, die Britischen Inseln und mit gewissen zeitlichen Verzögerungen über ganz Mitteleuropa bis nach Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn sowie Südskandinavien, wo sie noch bis ins 14./15. Jahrhundert angelegt wurden. Wie die Motten in ihrer Frühzeit ausgesehen haben, zeigt der bekannte Teppich von Bayeux (1066-1099) in mehreren Darstellungen.

[...] Die Turmburg mit ihrem - in der Regel - zentralen, festen Gebäude und eng umschließender Ringmauer oder Palisade bietet wie das Plateau der Motte nur wenig Platz für Nebengebäude. Motte und Turmburg bilden somit zwei Varianten des gleichen Baugedankens. Ein Wohnturm oder Turmhaus erhebt sich optisch-symbolhaft über die ländlich-bäuerliche Bevölkerung, repräsentativ und wehrhaft gegenüber den adeligen Standesgenossen. Durch den aufgeschütteten Mottenhügel erhält die Überhöhung noch eine weitere Steigerung, besonders wenn Mangel von Baumaterial und Mitteln einen hohen Turm verbot. [...] [heine 2002]


In Dingelbe und Dinklar haben sich bis heute solche Burghügel erhalten. In Ottbergen und Wöhle weisen die alten Flurbezeichnungen Burg bzw. Wall auf nicht mehr vorhandene Motten hin. Angelegt wurden sie vermutlich allesamt erst nach der Entmachtung Herzog Heinrichs des Löwen von Sachsen 1180. Sie könnten ähnlich ausgesehen haben wie die rekonstruierte Turmhügelburg im schleswig-holsteinischen Lütjenburg. [heine 2008]


Turmhügelburg in Lütjenburg

Ähnlich wie diese rekonstruierte Turmhügelburg mit vorgelagertem Wirtschaftshof
im holsteinischen Lütjenburg könnten auch die Anlagen in Dingelbe und Dinklar
ausgesehen haben. Deren Hügel sind allerdings um ein vielfaches größer.



Die Motte in Dinklar

Motte in Dinklar

Die südlich der Kirche gelegene Motte hat einen Durchmesser von ca. 42 m und ist ca. 4,35 m hoch. Der ursprünglich umlaufende Graben ist heute kaum noch zu erkennen. An verschiedenen Stellen ist sie stark beschädigt. [heine 2008]


Die Motte auf dem Gut Dingelbe

Die Motte in Dingelbe

Die im Dorf als Insel bekannte Anlage besteht aus einem 2,5 bis 3 m hohen Hügel mit einem unteren Durchmesser von 27 bis 28 m. Das obere Plateau ist etwa 300 m² groß. Der ringförmige 10 bis 14 m breite Graben um den Hügel war ursprünglich um einiges tiefer und mit Wasser gefüllt, das über den Mühlengraben aus der Klunkau kam. Bäume standen hier anfänglich sicher nicht. [heine 2008]


9. September 2007 - Tag des offenen Denkmals in Dingelbe

Dr. Hans Wilhelm Heine vom Nds. Landesamt für Denkmalpflege stellt die besterhaltenste mittelalterliche Turmhügelburg im Landkreis Hildesheim vor. Familie Harms und viele fleißige Helfer öffnen an diesem Tag ein Hofcafé, bieten Mottenlikör an und bitten um Spenden. Vom Erlös kann zusammen mit Mitteln der Landesdenkmalpflege die Vermessung und die im Oktober stattfindende wissenschaftliche Untersuchung der Motte finanziert werden.

Einführung auf dem Gutshof durch den Garten zur Motte
Dr. Heine berichtet interessierte Besucher
die Motte auf nach oben
interessierte Besucher Blick auf den Mühlenteich
Auch auf dem Hof gibt es einiges zu entdecken. Die Gemeindeheimatpflege ist mit dabei.
Was gibt es hier zu sehen? Dr. Heine hat eine mittelalterliche Tonscherbe gefunden.



31.10.2007 - Geomagnetische Prospektion der Motte in Dingelbe

Es geht los!
Arbeitsgerät
bei der Arbeit bei der Arbeit