Funde vom Kuhanger

Lageplan

Auf dem Kuhanger an der Straße von Grasdorf nach Nettlingen, der heutigen B 444, wird 1859 ein stark beschädigter Bronzeeimer entdeckt. Er steht in einem zweiten Bronzegefäß, von dem nur noch der obere Rand erhalten ist. "Ein gegos­sener Falke mag irgendwo angelöthet gewesen sein", ist jetzt aber lose. Neben den Gefäßen lie­gen drei lange eiserne Dolchmesser. Reste von Bronze, Eisen und Glasfluss befinden sich eben­falls in der Nähe. Das Gelände wird nicht weiter untersucht. [BLM-UFG: Katalog Thiele I]

Die Fundstücke gelangen in die Sammlung des Abtes Thiele [BLM-UFG: Katalog Thiele I], die um 1878 vom Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig angekauft wird [thaerigen 1939]. Von den Dolchmessern existiert heute nur noch ein Foto, das drei stark beschädigte, einschneidige Klingen von jeweils rund 30 cm Länge zeigt. Die Objekte selbst gelten als ver­schollen. [Vortrag Jörg Weber, Archäologe, 2013]

Kessel und Becken sind restauriert worden und nach Umstrukturierungen in der Braunschweigischen Museumslandschaft derzeit in der Dauerausstellung des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel zu sehen:


Bronzegefäße vom Kuhanger


Eimer, Becken und Vogelattache in einer Vitrine des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel

Der Eimer ist 29 cm hoch, das Becken hat eine Durchmesser von 34,5 cm. Von den ursprünglich zwei Vogelattachen ist nur noch eine erhalten. Diese Beschläge in Form einer Taube waren seitlich am Becken angelötet. Vermutlich waren darin Ringe eingehängt, um das Becken besser halten zu könnnen.

[Foto: Hans-Georg Schrader, Ottbergen]


Römische Importe

Der Eimer ist vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. in den capuanischen Werkstätten nördlich von Neapel gefertigt worden, das Becken dort in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts entstan­den. Die gefundene Vogelattache in Form einer Taube – nicht eines Falken, wie Abt Thiele meint – ist als Griff an das Becken angelötet ge­wesen. Über die zweite Attache, deren Spuren noch zu erkennen sind, ist nichts bekannt. [busch 1982]

Auch an anderen Orten hat man ähnliche Funde gemacht: In Stolzenau im Landkreis Nienburg ist z.B. ein vergleichbarer Messingeimer als Ur­ne benutzt worden [genrich 1981]. In Apensen im Landkreis Stade gehören zu den teilweise zerschlagenen Grabbeigaben einer fürstlichen Doppelbestat­tung ein Henkel und zwei Attachen mit Kopf und Flügeln, die denen des Bronzeeimers vom Kuhanger ähneln [busch 1995].


Attache des Bronzeeimers


Beschlag des Bronzeeimers

[Foto: Hans-Georg Schrader, Ottbergen]


Die Umstände sprechen dafür, dass es sich bei Eimer und Becken vom Kuhanger ebenfalls um Reste einer Brandbestattung, die nicht vor 200 n. Chr. stattgefunden hat, handelt [BLM-UFG]. Der damals un­beschädigte Eimer könnte als Urne verwendet worden sein, das Becken als Grabbeigabe. Mög­lich wäre dann, dass die beiden Attachen bereits während des Bestattungsrituals aus kultischen Gründen vom Becken abgetrennt worden sind [busch 1982], denn Beigaben wurden zu jener Zeit meist un­brauchbar gemacht.


Römische Sitten?

Wann und auf welche Weise Bronzeeimer und -becken vom Kuhanger in unsere Gegend ge­kommen sind, wissen wir nicht. Vielleicht waren sie Kriegsbeute [ziermann 2000]. Möglich wären auch Handels­beziehungen zwischen Germanien und dem Rö­mischen Reich, wobei sich die Forscher uneins sind, ob es diese kontinuierlich gegeben hat [busch 1982].

Im Fall dieser Gefäße ist es allerdings unwahr­scheinlich, dass die Gegenstände z.B. von einem vorbeikommenden Händler gekauft worden sind. Das Zusammentreffen von Eimer und Bec­ken weist auf die Kenntnis römischer Sitten und Gebräuche hin. In großen Eimern – zu denen oft Kelle und Sieb gehören, die hier zwar nicht (mehr) gefunden worden sind, sich aber vielleicht hinter den ebenfalls gefundenen Bron­zeresten verbergen – bereiten die Römer der Kaiserzeit erhitzten, gewürzten Wein zu. In fla­chen Becken mit seitlichen Griffen waschen sie sich während und nach der Mahlzeit die Hände. [busch 1995]

Da Grabbeigaben die Lebensverhältnisse des Verstorbenen widerspiegeln, ist anzunehmen, dass die hier bestattete Person zu Lebzeiten Kontakt zum Römischen Reich gehabt hat, wie z.B. ein Mitglied einer Familie, die als Anführer ihrer Sippe des Öfteren mit römischen Unter­händlern verhandelt hat und dabei deren Gebräu­che kennengelernt und Geschenke erhalten hat. [ziermann 2000]

Möglicherweise ist hier aber auch ein römischer Auxilliar – ein Germane, der bei den Hilfs­truppen der römischen Armee dient – beerdigt. Ihm wären nach Ende seiner 25-jährigen Dienst­zeit römische Sitten sicherlich so vertraut, dass er sie unter Umständen mit in seine germanische Heimat nehmen würde. [www.germanorum.de]


Ein unbekanntes Gräberfeld?

Da Bestattungen in der Römischen Kaiserzeit in der Regel auf Friedhöfen stattgefunden haben, ist anzunehmen, dass sich auf dem Kuhanger ein Brandgräberfeld befunden hat [busch 1982]. Auch die Anzahl der gefundenen Messer spricht dafür. Drei Messer als Grabbeigabe eines einzelnen Verstorbenen wären sehr ungewöhnlich. [Vortrag Jörg Weber, Archäologe, 2013]

Der Kuhanger ist – wie die Gräberfelder im benachbarten Stoben­holz und im Asseler Holz noch heute – auf einer Karte von 1841 bewaldet oder zumindest mit Buschwerk bestanden [papen 1841]. Erst Mitte des 19. Jahr­hunderts entsteht hier Ackerland. Eventuell sind die römischen Gefäße bei den Rodungsarbeiten gefunden worden.

Eine wissenschaftliche Untersuchung, die Auf­schluss über ein Gräberfeld geben könnte steht noch aus. Möglicherweise ist es aber durch mehr als 100 Jahre Ackerbau bereits zu sehr zerstört.