Gräberfeld im Stobenholz

Lageplan

Gräberfeld im Stobenholz

in der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit belegtes
- heute zerstörtes - Gräberfeld im Stobenholz


Vom 3. bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert haben Menschen unserer Gegend die Asche ihrer Verstorbenen auf einem Buckel- oder Hügelgräberfeld im Stobenholz beigesetzt. [ludowici 2005]


Erste bekannte Funde

Urnen aus dem Gräberfeld sind erstmals um 1878 nachweisbar. Zu dieser Zeit verkauft "der wilde Sammler" Heinrich Thiele - u.a. Domprediger in Braunschweig und Abt des Klosters Riddagshausen - einen Teil seiner umfangreichen Sammlung an das Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig. Darunter befinden sich zehn als "Aschekrüge" bezeichnete Gefäße aus dem "Vorholz südw. von Nettlingen im Walde". In vier Urnen befinden sich damals noch Knochenreste – Leichenbrand? –, ein Behältnis ist "sehr zerstückelt". Wann und von wem sie einst ausgegraben worden sind, ist nicht bekannt. [[thaerigen 1939], BLM-UFG: Katalog Thiele 1]

Durch Umstrukturierungen in der braunschweigischen Museumslandschaft gelangen die Urnen ins Museum für Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel. Der größte Teil gilt heute als verschollen. [ludowici 2005]


Urne aus dem Stobenholz


"Feinerer schwärzlicher Aschenkrug, mit zierlicher Kante, wohlgeglättet, defect"
beschreibt Abt Thiele diese Urne aus dem Stobenholz im Katalog seiner Sammlung.
Sie gelangt mit dieser um 1878 in den Besitz des Herzog Anton Ulrich Museums in Braunschweig.

Foto: [thaerigen 1939]


Wieder ins Bewusstsein

Zu Beginn der 1930er Jahre tauchen erneut Urnen aus dem Stobenholz in unserer Gegend auf. Der Dingelber Landwirt Johannes Kiel macht daraufhin das Provinzial-Museum in Hannover auf den "vorgeschichtlichen Friedhof bei dem benachbarten Dorfe Wöhle" aufmerksam. Im Frühjahr 1933 besichtigt Prof. Günther Roeder, Direktor des Hildesheimer Roemer- und Pelizäus-Museums, im Auftrag des Provinzial-Museums gemeinsam mit Friedrich Brauer von der Forstgenossenschaft Nettlingen und Wöhle das Gräberfeld und findet "mehrere Dutzend von Hügelgräbern im Durchmesser von 3 – 6 m, in einem Walde gelegen, der früher hohe Eichen und Buchen als Bestand hatte, jetzt jüngere Bäume, meist Buchen," vor. "Die Gräber selbst tragen zum Teil alte Eichen und sind meist von Kaninchen durchwühlt. […] Eine Gefährdung liegt zunächst nicht vor, da Herr Brauer eine strenge Aufsicht führt." Das Provinzial-Museum Hannover plant nun, das "prähistorische Hügelgräberfeld" sobald "einmal Hilfskräfte für derartige Arbeiten zur Verfügung stehen", zu vermessen. Eine solche "Planskizze" mit 82 Grabhügeln fertigt Wilhelm Bauer 15 Jahre später – im August 1947 – an. [NLD]


Wissenschaftliche Grabung

1961 besteht das Gräberfeld "aus ungefähr 60 – 70 sehr niedrigen Gabhügeln, die jetzt von Bäumen bewachsen und zum Teil durch Fahrspuren und Fuchsbauten gestört sind. Ein bestimmtes Verhältnis der Hügel zueinander ließ sich nicht feststellen, obwohl man an manchen Stellen den Eindruck gewinnen konnte, als ob jeweils um einen größeren Hügel mehrere kleinere planmäßig angelegt seien." [NLD: Grabungsbericht]

Vom 22. August bis zum 26. September 1961 führt Dieter Schmelz im Auftrag der Abteilung Bodendenkmalpflege des Landesmuseums Hannover mit zwei Helfern im Stobenholz eine Grabung durch. 17 Grabhügel mit einer Höhe zwischen 10 und 35 cm und einem Durchmesser von 1,5 bis 6 m werden dabei nach der Quadrantenmethode untersucht. Die ergrabenen Hügel liegen in drei über das Gräberfeld verteilten Gruppen. Unter einem Grabhügel wird ein Flachgrab entdeckt, dass später mit überhügelt wurde. Außerdem werden zwei Schnittgrabungen durch Bodensenken angelegt. Auch in einem dieser Schnitte wird ein Flachgrab gefunden.

Dr. Voß aus Hannover erkundet einen weiteren Hügel außerhalb der von Dieter Schmelz bearbeiteten Gruppen. Am 18. und 19. September "öffnet [außerdem der Nettlinger] Lehrer Hüpsel mit Schulkindern noch einmal den Hügel, den er vor einigen Monaten eigenmächtig gegraben hat. […] Außer eines kl[einen] Scherben in einem Fuchsloch, keine Funde." [NLD: Grabungstagebuch 1].

Insgesamt werden elf Urnen mit und eine Urne ohne Inhalt, zwei Knochen- und Scherbenlager sowie ein Knochenlager geborgen. Die Urnen haben je nach Bodenbeschaffenheit entweder auf dem gewachsenen Boden oder in einer ausgehobenen Grube "meist in der Nähe der Hügelmitte" gestanden [NLD: Grabungsbericht]. Viele sind durch Baumwurzeln beschädigt oder haben bei den Grabungsarbeiten Schaden genommen. Fünf Hügel sind leer.

Die gefüllten Urnen enthalten zwischen 14 und 720 g Leichenbrand. In neun dieser Urnen finden sich darüber hinaus noch einige wenige Beigaben in unterschiedlicher Kombination: Urnenharz, Scherben von Drehscheibenkeramik oder handgeformten Tongefäßen und Reste von Dreilagenkämmen. Aus den Kammfragmenten lassen sich ein Kamm mit kreissegmentförmiger Griffplatte, die ab Mitte des 2. Jahrhunderts bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts gebräuchlich waren, und drei Kämme mit dreieckiger Griffplatte, die in die Mitte des 3. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts datiert werden, rekonstruieren. Die Form zweier Kämme lässt sich aus den gefundenen Bruchstücken nicht ableiten.


Beigaben aus der Urne aus Hügel 14

Beigaben aus der Urne 10 aus Hügel 14:
Urnenharz, Fragmente eines Dreilagenkamms, Bruchstücke von Drehscheibenkeramik


Aufgrund der gefundenen Urnen und Kammfragmente ergibt sich eine Belegung des Gräberfelds im Stobenholz ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert.

Alle Funde dieser Grabung im Spätsommer 1961 bekommt das Landesmuseum in Hannover. Im Frühjahr 2013 leiht es sechs dieser Urnen für eine Ausstellung nach Schellerten aus. >>>

NLD; [gaedtke-eckardt 1992]


Raubgrabung?

Im März 1994 unternimmt die Archäologin Ingeborg Schweitzer aus Hildesheim einen Kontrollgang über das Hügelgräberfeld im Stobenholz. Sie stellt fest, dass 20 bis 30 Hügel zerstört sind und vermutet eine Raubgrabung. "Bei Durchsicht der ausgehobenen Erde wurden nur bei zwei Gräber[n] einige Scherben und ein Flintabschlag gefunden", die dem Landschaftsverband Hildesheim übergeben werden. Der Landkreis Hildesheim stellt Strafantrag gegen Unbekannt und bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Die Raubgräber werden nie ermittelt. [NLD; HAZ 15.04.94]

Nach vielfach geäußerter Meinung der Bevölkerung handelt es sich bei den Schäden auf dem Gräberfeld allerdings nicht um die Folgen einer Raubgrabung, sondern um ein Werk der Wildschweine. Ein Augenzeuge, der sich 1994 das Gräberfeld nach bekannt werden der möglichen Raubgrabung angesehen hat, berichtet im Mai 2013, dass dort keinerlei Spuren - wie etwa gerade Flächen - von Schaufeln oder Spaten zu erkennen waren. 


Gräberfeld zerstört

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts ist das Stobenholz aufgeforstet, der Boden dabei umgepflügt worden. Die in diesem Gräberfeld sehr niedrigen Grabhügel und ihr Ihnhalt dürften damit unwiederbringlich zerstört sein.